3 Minuten zum Nachdenken

Warum fällt uns ein „Nein“ so schwer?

Der Chef kommt kurz vor Feierabend noch mit einer zusätzlichen Aufgabe, am Wochenende bittet Sie jemand um Hilfe oder Sie werden zu einem Treffen eingeladen. Schon bei der Frage spüren Sie ganz deutlich: „Das möchte ich nicht.“ Trotzdem sagen Sie: „Ja“. Vielleicht haben Sie sich später sogar selbst darüber geärgert.

Warum tun wir das?

Oft steckt dahinter ein Verhaltensmuster, das wir durch Erfahrungen, Reaktionen und Beobachtungen in der Kindheit entwickelt haben. Als Kind sind wir darauf angewiesen, dass andere für uns sorgen und unsere Grundbedürfnisse nach Liebe, Nähe, Sicherheit und Zuwendung von außen erfüllt werden.

Ein Kind kann beispielsweise erleben: Wenn ich brav und angepasst bin oder gute Noten in der Schule habe, bekomme ich Zuwendung und Anerkennung. Wenn ich wütend bin, werde ich abgelehnt. Wenn ich widerspreche, ist das mit Streit und Strafe verbunden. Wenn ich weine, bekomme ich zu hören: „Stell dich doch nicht so an.“ Und immer wieder höre ich Sätze darüber, wie wichtig es sei, anderen zu helfen und immer hilfsbereit zu sein.

Aus dem Erlebten können sich Überzeugungen und mögliche Verhaltensmuster entwickeln: Ich muss es allen recht machen. Ein „Nein“ ist egoistisch. Meine Bedürfnisse sind nicht so wichtig. Ich bin nur liebenswert, wenn ich lieb und angepasst bin oder Leistung erbringe.

Diese Prozesse laufen nicht bewusst ab. Vielmehr sind es Versuche des Kindes, einen Weg zu finden, die eigene Welt zu verstehen und seine eigenen Grundbedürfnisse aus Angst vor Ausgrenzung, Zurückweisung und Ablehnung abzusichern.

Dieses Muster war damals eine hilfreiche Schutzstrategie für das Kind, weil es für seine Bedürfnisse noch nicht allein sorgen konnte. Da sich solche Muster automatisch und unbewusst in uns verankern, beeinflussen sie unser Denken und Handeln auch als Erwachsene.

Das kann dazu führen, dass wir weiterhin versuchen, es allen recht zu machen, nicht anzuecken und Konflikten aus dem Weg zu gehen. Wir überhören unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche nicht nur, sondern stehen auch nicht für sie ein. Wir können uns schwer abgrenzen und vielleicht fällt uns genau deshalb ein „Nein“ so schwer.

Diese uns heute hindernden Muster sind keine unveränderlichen Wahrheiten.

Wenn Sie sich angesprochen fühlen, können Sie sich in einer solchen Situation fragen: „Welche Gedanken, Gefühle oder Ängste stehen bei mir hinter einem ‚Ja‘, obwohl ich eigentlich ‚Nein‘ sagen möchte?“

Veröffentlicht am von Sonja Hellwich, zuletzt aktualisiert am